Diese Geschichte begann völlig unspektakulär und war weder geplant noch so erwartet. Eines Tages landete eine unscheinbare Uhr der Marke Enicar auf dem Tisch. Jedoch der Reihe nach, da die Geschichte viele Jahre zurückliegt.

 

Februar 2001:

Ein Bekannter hat diese Uhr, mit der er nichts anfangen kann, vorbeigebracht. Die Uhr ist defekt und läuft nicht. Im Gespräch sind wir drauf gekommen, dass er eigentlich die Uhr nicht haben möchte, und so habe ich sie spontan gekauft. Mein Wissensstand zu diesem Zeitpunkt war: Enicar, Chronograph, Day Date,  und zwei Zeiger übereinander bei 6-Uhr… nicht mehr.

So sollte die Uhr im Original aussehen…

…mein Exemplar hatte keine PVD-Beschichtung mehr und sieht so aus. Habe ich heute noch :-)

Irgendwann später haben meine Recherchen ergeben, dass es sich um einen Flyback-Chronographen handelt, welcher über 30-Minuten- und 12-Stunden-Zähler verfügte. Darüber hinaus verfügt die Uhr über Day-Date-Anzeige. Beim Uhrwerk ENICAR A-R 219 handelt es sich um ein Seiko 7016a. Ein Automatik Chronograph mit den bereits oben beschriebenen Anzeigen.

 

April 2001:

Ich habe bereits das Uhrwerk zerlegt, um nachzusehen, was defekt ist und natürlich vor allem, um meine Neugierde zu stillen. Ich habe festgestellt, dass die Unruh beschädigt war. Diese habe ich seinerzeit organisiert, und die Uhr ging nach der Reinigung wieder.

Ich muss zugeben, dass ich von der Technik dieser Uhr einfach fasziniert war. Ich war begeistert, wie die Japaner die Komplexität eines Schaltrad-Chronographen mit Flyback, Day-Date und die Anzeige der Minuten- und Stundenzähler auf einer Achse simplifiziert und gelöst haben. Einfach unglaublich… meiner Meinung nach führt diese Simplifizierung dazu, dass die Schmierung dieses Uhrwerks zu einer Wissenschaft wird :-)

Die Service-Intervalle sind ebenfalls kürzer anzusetzen, da die Schmierung anfällig ist. An dieser Stelle kein wissenschaftlicher Beleg, sondern meine eigene Erfahrung, die ich im Laufe der Jahre gesammelt habe.

Da ich dieser Uhr ein schöneres Dasein verschaffen wollte, habe ich lange überlegt, was ich damit mache. Meine Gedanken endeten damit, dass ich ein neues Zifferblatt habe erstellen lassen. Ein Edelstahlgehäuse mit zwei Saphirgläsern sollte die Uhr ebenfalls bekommen. Der Veränderung nicht genug… ich habe in der Zwischenzeit mit Hrn. Benzinger Kontakt aufgenommen. Wir haben vereinbart, dass er aus dem Uhrwerk etwas Schönes macht.

 

Juli 2001:

Herr Benzinger vollbringt Wunder :-) die Verwandlung des Uhwerks kann man einfach nicht in Worte fassen, … das muss man sich im Detail ansehen.

Das Uhrwerk wurde handgraviert, perliert, vergoldet, teil-rhodiniert, die Schrauben wurden Satin geschliffen und flammgebläut. Die Details der Verarbeitung sind einfach sagenhaft.

Fast zur gleichen Zeit habe ich mich um die Gestaltung des Zifferblatt gekümmert und es entsprechend beauftragt. Im Mittelpunkt stand auch hier die Simplifizierung, somit einfache Zifferblatt-Gestaltung. Stunde und Minute nicht mehr. Die Zähler des Chronographen für Minute und Stunde bei sechs Uhr wollte ich umändern und etwas verständlicher gestalten. Hier der Entwurf, der als Vorlage für die Umsetzung diente.

 

November 2001:

Die Uhr ist nun da… von nun an hat sie zwei Jahre mein Armgelenk nicht verlassen. Die Uhrensammler und Liebhaber unter euch werden verstehen, was ich damit meine.

Dieses Gehäuse wurde in einigen Details speziell angepasst. Zum Beispiel, wenn man sich die Krone betrachtet, glaubt man, das sie gezogen wurden. Das ist aber nicht der Fall! Diese Stellung ist die Normal-Stellung der Krone. Drückt man diese, so erfolgt die Korrektur des Wochentages. Trotz der gezogenen Stellung ist die Uhr wasserdicht.

Irgendwann einmal lag die Uhr nur mehr herum, und ich habe sie nicht mehr getragen. Die Gründe lagen an mir, da sich mein Geschmack im Laufe der Jahre geändert hat. Zu diser Zeit habe ich fast ausschließlich Uhren gesammelt, deren Zifferblatt schwarz war. Das ist der Vielfalt der schönen Zifferblattfarben – Gott sei Dank – gewichen.

 

April 2011:

Ich wollte nicht, dass diese schöne Uhr unbeachtet rumliegt! So habe ich beschlossen, ihr ein neues Gesicht zu geben. Ich habe mich für eine Farbe entschieden, die je nach Lichteinfall die Farbe wechselt. Die Grundfarbe ist dunkelbraun, und je nach Licht geht sie bis in das Schwarze hinein. Wie man so etwas fotografiert, keine Ahnung, aber ich versuche es :-)

Auch die 70er Jahre Zeiger wurden durch moderne ersetzt. Die Uhr hat weiters ein ganz edles dunkelbraunes Perlrochen-Armband bekommen. Sie sieht einfach nur fantastisch aus.

 

Februar 2017 – Revision der Uhr:

Stellvertretend für alle Revisionen ;-) behandle ich hier die letzte Revision der Uhr. Ich gebe die Uhr auf die Zeitwaage, um einen ersten Eindruck zu bekommen. Sieht nicht wirklich gut aus. Nach der Reinigung des Uhrwerks sollte alles wieder in Ordnung sein.

Ich entferne das Armband, welches am Gehäuse verschraubt ist.

Der verschraubte Boden des Gehäuses wird geöffnet.

Der Automatikrotor ist abgenommen. Man sehe sich die Details der Verarbeitung an. Sogar die Rückseite des Rotors ist perliert worden.

Krone inkl. Aufzugswelle aus dem Uhrwerk entfernt.

Ich nehme die Zeiger ab.

Zifferblatt entfernt.

Ich beginne damit , mich durch die Teile durchzuarbeiten.

Viele Hebel, die ineinander greifen und die komplette Steuerung des Chronographen und Flyback-Funktion durchführen. Auf das Thema Flyback gehe ich im Revisionsbericht der Auricoste ein.

Die Automatikbrücke ist abgenommen. Dieses Uhrwerk hat das sog. Magic Levers. Im Revisionsbericht der Grand Seiko gehe ich auf das Thema Seiko und automatischer Aufzugsmechanismus ein.

Ich entnehme die Kupplung des Chronographen. Diese startet und stopt das Zentralrad (=Sekundenzähler aus dem Mitte) des Chronographen. Das Schaltrad ist ebenfalls an dieser Kupplung angebracht.

Hier die Einzelteile.

Ich arbeite mich weiters durch die Teile durch. Das Uhrwerk verfügt über mehrere Platinen, die übereinander angeordnet sind. 

Die abgenommene Unruh inkl. Kloben.

Anker und Ankerbrücke.

Nun ist die Zifferblattseite des Uhrwerks dran.

Tagesscheibe abgenommen.

Auch hier einige Hebelchen.

Viertelrohr wird abgehoben.

Nachdem alle Teile unterhalb des Zifferblatts entfernt wurden, widme ich mich wieder der Rückseite des Uhrwerks zu und entferne die restlichen Teile. 

Das Federhaus ist ebenfalls abgenommen.

Nur mehr ein Rädchen und das Uhrwerk ist völlig zerlegt.

Alles Teile sind schon demontiert.

Das Federhaus ist grundsätzlich wartungsfrei. Ich habe es aber trotzdem geschafft, es zu öffnen, damit ich es entsprechend reinigen kann.

Die Aufzugsfeder sieht sehr gut aus und wird nach der Reinigung wieder verwendet werden.

Alle Teile…

…sind schon im Korb der Reinigungsmaschine.

Nach der Reinigung beginne ich damit, das Federhaus – nachdem es entsprechend geölt wurde – zusammenzusetzen.

Die Aufzugsfeder ist bereits im Federwinder gespannt…

…wird eingesetzt und das Federhaus entsprechend geschlossen.

Die Teile, die ein Epilam brauchen, werden entsprechend epilamisiert.

Nun kommen alle Teile wieder zusammen.

Ich gebe das Uhrwerk auf die Zeitwaage…

… nach einigen Einstellungen sieht es wieder gut aus. Am Ende der Revision werde ich das Uhrwerk 5 bis 6 Sekunden in Plus einregulieren.

Ich stelle die Seite des Zifferblattes fertig.

Setze die Zeiger entsprechend.

Nun ist alles zusammengebaut.

Die Uhr sieht einfach fantastisch aus, und genau so soll es auch sein. Für mich hat diese Uhr im Laufe der Jahre niemals an Charm verloren. Meine Faszination von der Uhr und von der Technik hat noch nie nachgelassen. Würde ich das wieder machen? Ja, definitiv.