Restoration Zylinderhemmung aus dem Jahr 1890 – Teil 1

Die schlechte Nachricht ist: aktuell kann ich nicht sagen, aus wie vielen Teilen dieser Bericht bestehen wird :-))

Die gute Nachricht, es wird super interessant werden. Es geht um die völlige Restaurierung eines Uhrwerks, welches zwischen 1760 und 1890 entstanden sein dürfte.

Sehen wir uns an, was wir haben und was es alles zu tun gibt. Eine sehr alte Taschenuhr (nur das Uhrwerk ist noch vorhanden), die älter als 120 Jahre sein dürfte. Der Zustand ist brauchbar, jedoch sie ist defekt. Die Uhr hat ein emailliertes Zifferblatt, welches sich in sehr gutem Zustand befindet. Lediglich ein minimaler Haarriss unterhalb 9 ist zu sehen.

Die Taschenuhr hat keinen Aufzugsmechanismus und wird mit zwei unterschiedlichen Schlüsseln aufgezogen. Das Gehäuse fehlt. Das ist typisch für Uhren, die ein Gold- oder Silbergehäuse hatten. Die Gehäuse wurden oft im zweiten Weltkrieg verkauft, damit man sich etwas zum Essen kaufen konnte. Die Uhrwerke wurde als Erinnerungsstücke mitgenommen, man hat sie auch als wertlos betrachtet, daher lagen sie einfach in Schubladen herum.

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Das Uhrwerk ist vergoldet, wobei die Vergoldung kaum mehr vorhanden ist. Die Schrauben sind ziemlich beschädigt. Einige Schrauben ragen aus den Brücken raus. Einige stecken zu tief drin. Unruhdeckstein fehlt, wobei diese Uhr “nur” vier Steine hat. Rubine waren damals sehr teuer und wurden sehr sparsam verwendet. Ein tiefer Kratzer ziert das Uhrwerk auf Position 9. Ich werde ihn nicht entfernen. Er soll als Teil der Geschichte des Uhrwerks erhalten bleiben.

Im Zentrum sieht man ein Vierkant. Dieser dient dazu, die Zeiger und somit die Zeit einzustellen. Dazu ist ein Schlüssel erforderlich, welcher indem Fall aber fehlt. Auf 12 Uhr sieht man ein weiteres Vierkant. Darunter ist das Federhaus. Mit einem Schlüssel wird die Uhr aufgezogen. Die zwei Vierkante haben unterschiedliche Größen, was ja sehr unüblich ist, da zwei Schlüssel benötigt werden. Ich gehe davon aus, dass die Welle in der Mitte später angefertigt wurde, daher die unterschiedlichen Größen. Ich werde später versuchen, die Größen so anzupassen, dass nur mehr ein Schlüssel erforderlich ist.
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Es folgen mehrere Ansichten des Uhrwerks, um den Gesamtzustand festzuhalten.IMG_4558 IMG_4559Interessante Sperrfeder, die etwas Rost aufweist.IMG_4559

Auch der Rückerzeiger weist Rost auf. Das Uhrwerk ist ölig. Das ist eine Methode, die man früher angewendet hat, um das Uhrwerk vom Rost zu schützen. Man hat es einfach in – ich nehme an – Maschinenöl eingetaucht und so konserviert.
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Ein Blick auf das Federhaus.IMG_4566

Ich beginne, das Uhrwerk zu zerlegen und nehme die Louis-Zeiger ab.
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Ich gehe davon aus, dass die Zeiger in den 30er oder 40er Jahre ergänzt wurden. Diese sind verschmutzt, aber in einem einwandfreien Zustand.IMG_4570

Das Zifferblatt ist ab…IMG_4575…und kommt in standesgemäß in eine handbemalte Porzellandose :-)IMG_4576Unter dem Zifferblatt ist die Vergoldung noch ziemlich gut erhalten.IMG_4579Das Distanzplättchen ist sensationell ;-)) Dürfte aus Kupfer zusammen gehämmert worden sein. Wird später ersetzt.IMG_4580Ich nehme die Unruh ab und sehe, dass die Spirale ziemlich verbogen, jedoch noch intakt ist.
IMG_4584Diese Taschenuhr hat keinen Anker. Jedoch ein interessantes Hemmungsrad, welches direkt im Zapfen der Unruh greift. Die Uhr hat eine Zylinderhemmung, die heute weder gebaut noch verwendet wird. Die Zylinderhemmung gilt als ungenau, da sie relativ langsam schwingt und somit anfällig ist für Erschütterungen. Das Prinzip der Zylinderhemmung ist auf der Watch-Wiki sehr gut beschrieben.IMG_4586

Ich arbeite mich durch die Teile durch.IMG_4589

Die Räder mit der Räderbrücke.IMG_4591Ich mache die letzten zwei Schrauben der Federhausbrücke auf.IMG_4592Federhaus noch an der Federhausbrücke.IMG_4594Da ist viel Öl drin :-))
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Die Aufzugsfeder ist nun ausgebaut.IMG_4599Weitere Teile der Federhausbrücke.
IMG_4600Unruhkloben zerlegt. Man sieht die Einzelteile sehr schön. Mit dem Stift (rechts im Bild) wird die Spirale befestigt.
IMG_4603Die Spirale der Unruh ist – wie bereits erwähnt – ziemlich verbogenIMG_4601

Ich gebe alles in die Reinigungskörbe, und ab in die Reinigungsmaschine.IMG_4608Ich habe das Uhrwerk ca. zwei Stunden lang gereinigt. Weiters ist es mir nicht gelungen, das Federhaus von der Federhausbrücke zu trennen. Das ist etwas verrostet, und ich möchte die Welle nicht beschädigen. Diese nachzubauen wird sehr kompliziert werden. Für die Reinigung spielt dies keine Rolle. Ich muss mir später etwas einfallen lassen, wie ich das auseinander nehme.

Die Frage, warum ich mich dieses Uhrwerks annehme, obwohl man es voraussichtlich für wenige Euro kaufen kann, ist relativ leicht zu beantworten. Dieses Uhrwerk schenkte mir ein Mann, den ich sehr schätze, und zu seinen Ehren werde ich es wiederherstellen.

Im zweiten Teil werde ich der Unruh und deren Spirale widmen.